Beschwerde beim Deutschen Presserat über Taxi-Artikel bei „Spiegel Online“

Beim Deutschen Presserat, dem obersten Wächter der hiesigen Publizistik, hat Clemens Grün, Mitglied der Redaktion von TAXI-MAGAZIN.DE, heute eine Beschwerde gegen den „Spiegel Online“-Autor Tom König und seinem Taxifahrer-Schmähartikel „Wo du wolle?“ eingreicht. Ziel ist das Aussprechen einer öffentlichen Rüge des Autors sowie der Veranwortlichen Redakteure beim Online-Ableger des renommierten Nachrichtenmagazins.

 

Am 2. Mai 2011 hatte der „Spiegel Online“-Kolumnist einen Schmärtikel gegen Taxifahrer, namentlich Hamburger Taxler, unter dem Titel „Wo du wolle?“ veröffentlicht (TAXI-MAGAZIN.DE berichtete). Wir zitieren hier die Begründung auf eine Rüge, wie sie heute dem Deutschen Presserat, die „Freiwillige Selbstkontrolle der Presse“ zugegangen ist:

 

Sehr geehrte Damen und Herren beim Deutschen Presserat,

der angezeigte Artikel des Kolumnisten Tom König, veröffentlicht am 2.5.2011 als Beitrag seiner laufenden „Warteschleife!-Kolumnen-Serie auf „Spiegel Online“, enthält mehrere Formulierungen, die unzweifelhaft beleidigend sind und in erster Linie auf die Herabwürdigung Anderer abzielt.

Besonders handelt es sich um folgende Teile seiner „Wo du wolle“-Kolumne:

1. Über Flughafen-Taxifahrer:
„Am Airport stehen nur jene Galgenvögel, die zu dumm, zu faul oder zu inkompetent sind, um anderswo eine Fuhre zu bekommen.“
(Kontext: „Mit Taxlern ist es nämlich so: Es gibt Top-Leute, gutes Mittelmaß und Fischfutter. Die besseren Fahrer arbeiten entweder bei großen Unternehmen wie Hansataxi oder sie haben einen festen Kundenstamm. Am
Airport stehen nur jene Galgenvögel, die zu dumm, zu faul oder zu inkompetent sind, um anderswo eine Fuhre zu bekommen.“)

2. Über U-Bahn-Nutzer:
„Du musst nicht mit der ungewaschenen Plebs in der U-Bahn sitzen.“
(Kontext: „Irgendwann einmal lautete das Taxi-Produktversprechen: Du musst nicht mit der ungewaschenen Plebs in der U-Bahn sitzen. Stattdessen kaufst du dir eine halbe Stunde gepflegte, klimatisierte Ruhe.“)

3. Der Autor dichtet einer namentlich genannten Taxifahrerin, ohne den geringsten Beleg, einen (im übrigen berufsgefährdende) Alkohol-Gebrauch an:
„Und das Problem wird von Jahr zu Jahr drängender. Gerda ist dafür der beste Beweis. Als sie zum zweiten Mal binnen Minuten falsch abbiegt, frage ich: „Sie fahren wohl noch nicht so lange, was?“ „Doch, seit Jahrzehnten“, entgegnet sie. „Aber heute habe ich sehr lange in einem Roman gelesen.“ Ich müsste jetzt wohl nachhaken, inwiefern die Lektüre von Konsalik das Fahrverhalten beeinträchtigt – oder ob „Roman“ vielleicht Taxlercode für Weizenkorn ist.“

4. Der Titel „Wo du wolle“ wird in der Kolumne nicht textlich gestützt, er kommt nur einmal als unbelegter und überraschender Klammereinschub vor. Er spielt auf perfide Weise auf den hohen Anteil von Taxifahrern mit Migrations-Hintergrund an. Der Titel dient offensichtlich der Bedienung diesbezüglicher, rassistisch getränkter Vorurteile vom ortsunkundigen Taxifahrer ausländischer Herkunft – dabei wird dieses Vorurteil doch nachweisbar in der Wirklichkeit vielfach Lügen gestraft. Beredt ist auch die unmittelbare Koppelung „Wo du wolle“ mit dem Attestieren eines Mangels an „Sauberkeit und Manieren“ – widerlich! Wollte man sich künftig auf diesem Niveau bewegen, man könnte fortan auch Journalisten ungestraft in die Nähe des Alkoholismus rücken, nur weil es das enstprechende öffentliche Klischee des promilligen Schreiberlings gibt und sich einzelne solcher Fälle sicherlich finden ließen.
(Kontext: „Deshalb gilt nach wie vor: Orts- und Sprachkenntnisse („Wo du wolle?“) sind ebenso Glücksache wie Sauberkeit und Manieren.“)

Nur der Vollständigkeit halber wird auf diverse Falschbehauptungen hingewiesen wie jene, die (als Taxi häufig eingesetzte) Mercedes E-Klasse sei  eine „Oberklasse-Limousine“ (das Modell gehört lediglich zur gehobenen Mittelklasse), oder jene, „Rahlstedt (sei) Hamburgs größter Stadteil“ (der Hamburger Stadtteil Kirchwerder ist fast doppelt so groß) – es rückt die „Qualität“ der Recherche ins rechte Licht. Aber diese ergänzenden Textbelege verdeutlichen, dass es sich bei dem Erguss keinesfalls um eine Veröffentlichung handelt, welche journalistischen Mindestmaßstäben gerecht wird.

Ergänzend sei auf die häufig eingenommene „Herrenreiter“-Attitüde hingewiesen, die in einem demokratischen und der Aufklärung verpflichtetem Gemeinwesen und seiner Publizistik gänzlich fehl am Platze ist.

Stattdessen nutzt der  unverantwortlich handelnde Autor wiederholt Schmähungen, Beleidigungen und Herabwürdigungen in der Hoffnung eines kurzen Lachers seiner Leser – im Falle der Taxifahrerin „Gerda“ sogar ohne den geringsten Beleg in existenzgefährdender Form. Verantwortlicher Journalismus, auch jener in flott geschriebenen Kolumnen, sähe deutlich anders aus.

Ich bitte den Presserat, solchem unverantwortlichen Tun Einhalt zu gebieten und den Autor, ggf. auch die redaktionelle Leitung von „Spiegel Online“ sowie der zuständigen Wirtschafts-Redaktion, eine angemessene  Belehrung und Rüge zu erteilen.

Der Absender dieser Zeilen ist selbst Taxifahrer und häufig am Flughafen Hamburg für Fahrgäste bereitstehend. Ich bin aber auch Fahrer für die von Autor Tom König als „Hoffnung“ beschriebene Taxi-APP „mytaxi“ und weise dort ein sehr gutes Kundenrating auf (kann auf Nachfrage gerne belegt werden). Ich bin keinesfalls bereit, durch solche unverantwortlichen Zeilen wie die des Herrn König ungerechtfertig Einbußen an meiner Reputation als (Flughafen-) Taxifahrer hinzunehmen.

Mit freundlichem Gruß

Clemens Grün
(Redaktion TAXI-MAGAZIN.DE)

 

 

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