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27.05.2014

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MYTAXI: Der Pionier der Taxi-Apps am Scheideweg

2010 startet mytaxi, zuerst in Hamburg, sein Tourvermittlungs-Geschäft mit einer innovativen, auf Smartphone-App und mobilem Internet basierenden Technik. Wesentliche Gründe für die moderne Erfolgsgeschichte waren, neben der modernen und preisgünstigen Technik, eine faire Abrechnung ausschließlich nach Menge der vermittelten Touren sowie der neue Stil als kundenzugewandter Dienstleister. Das angekündigte, deutlich kompliziertere und im Ergebnis auch teurere Preismodell erzeugt Widerstand im Taxengewerbe. Vor allem aber die überraschenden flächigen Vertragskündigungen stoßen Tausende von Taxiunternehmer, die zahlenden mytaxi-Kunden, vor den Kopf. Das Hamburger Start-Up droht aus der bisherigen Erfolgsspur zu springen. mytaxi-Teilnehmer und Taxiverbände haben ihren Widerstand gegen die drohenden Veränderungen angekündigt, erste Gruppen diskutieren über Alternativen. Clemens Grün, seit 2010 als damals erster regulärer Android-Fahrer bei mytaxi dabei, beschreibt den aktuellen Stand.

 

Das Taxijahr 2014 begann mit einem Paukenschlag: Intelligent Apps, das Hamburger Unternehmen hinter der „mytaxi“-Bestell und -Vermittlungs-App, kündigte mit Schreiben vom 8. Januar seinen Tausenden Teilnehmern ohne Vorankündigung und -warnung die Verträge zum Monatsende. Ab dem 1. Februar 2014 sollen völlig andere preisliche und Zuschlags-Bedingungen gelten, welche im Ergebnis eine ungeheure Verkomplizierung und eine saftige Preiserhöhung bedeuten. Die angekündigten Änderungen bestehen aus zwei Komponenten, die einander nicht zwingend bedingen:

- Der Tourpreis würde nicht mehr fest, sondern variabel sein und sich künftig direkt nach dem vom Besteller zu zahlenden Fahrpreis richten.
- Die Touren würden künftig per Auktion vermittelt. Wer einen höheren Prozentsatz des (zum Zeitpunkt der Auktion noch unbekannten) Fahrpreises als Vermittlungsprovision anbietet, erhöht seine Chancen, den Tourzuschlag zu bekommen.

Die beiden Firmengründer und -geschäftsführer Jan-Niclaus „Nic“ Mewes und Sven Külper hatten schon bei der Firmengründung die Idee, eine Vermittlung von Taxitouren als „Marktplatz“ einzurichten. Dagegen sprechen rechtliche Vorschriften wie die Preisbindung der staatlich verordneten Taxipreise innerhalb sog. „Pflichtfahrgebiete“ und die Lebenswirklichkeiten eines Großteils der Taxifahrer in Deutschland, die nicht der eBay-Generation der mytaxi-Macher entstammen, sondern vielfach zu deren Väter-Generation gehören. Computer-Spezialisten erinnert das neue mytaxi-Preissystem an das Adwords-System von Google. Adwords, mit dem Gewerbetreibende Online-Anzeigen bei Google platzieren können, ist derart komplex, dass es mittlerweile Dutzende von Erklärbüchern und spezialisierten Beratungsfirmen gibt. Ein derart komplexes System ist Vorbild für das neue Tourvermittlungs-System von mytaxi? Wurde das bisherige Prinzip „Eine Tour - ein Preis“ sofort verstanden, rätseln viele mytaxi-Taxifahrer nun herum, wie das neue Auktionsprinzip funktionieren soll und welche Mechanismen dort schlussendlich zum Tragen kommen werden. Hängen bleibt erst einmal: Es wird komplizierter, unübersichtlicher - und teurer. Vor allem in Hamburg, wo Sonderkonditionen für jene Fahrzeuge wegfallen sollen, die mit mytaxi-Seitenwerbung herumfahren und bisher von aus dem Hamburger Testbetriebsjahr 2010 stammenden Sonderkonditionen profitieren.

 

 

Preiserhöhung statt neuer Finanzierungsrunde?

 

Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die mytaxi-Macher das von ihnen präferierte „Marktplatz“-Modell viel zu früh und derart abrupt auf die eigene Kundschaft loslassen wollen, weil es finanziell zwickt. Zwar wurde das Hamburger Start-Up-Unternehmen in drei Finanzierungsrunden mit einem insgesamt ordentlich zweistelligen Millionenbetrag ausgestattet von so renommierten Investoren wie dem Venture-Capital-Unternehmen der Deutschen Telekom und einer Tochterfirma des Daimler-Konzerns. Aber das famose Wachstum in mehr als zwei Dutzend deutschen und einigen ausländischen Städten ist offensichtlich nur mit neuem Geld im bisherigen Umfang fortführbar. Und das soll offensichtlich nicht mit einer vierten Erhöhungsrunde von Eigenkapital eingesammelt, sondern selbst erwirtschaftet werden. Möglicherweise spielt dabei auch eine Rolle, dass so die Firmengründer nicht gezwungen wären, weiteren Anteile an externe Konzerne und Investoren abzugeben.

Das gewählte Vorgehen und Modell zur Einnahmesteigerung birgt aber beträchtliche Gefahren. Durch die für die meisten Taxiunternehmer überraschenden Kündigungen der bisherigen Teilnehmer-Verträge verliert mytaxi den Nimbus als die kundenfreundliche Alternative zu den Taxizentralen, welche gerade von vielen städtischen Taxifahrern oft als bevormundend oder gar ungerecht, zuweilen auch als überteuert empfundenen werden. Mehr als ein Drittel Hamburger Taxen ohne Zentralen-Anschluss spricht eine deutlich Sprache.

Mindestens genauso groß ist für mytaxi die Gefahr, durch die eingetretene Verärgerung einen Rückgang bei der Bedienfähigkeit zu erleiden. Mag das in einigen Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München mit einer höheren Dichte an mytaxi-Fahrzeugen noch zu kompensieren sein, dürfte andernorts die Gefahr bestehen, dass durch ein Rückgang bei der Tourannahme einige noch nicht stabile mytaxi-Märkte kollabieren könnten. Aus dem bisher gewohnten Zuwachs an Städten mit mytaxi-Versorgung könnte ein unerwarteter Rückgang werden.

 

 

Neue Vermittlungs-Provision bedeutet zehnjährige Archivierung aller Tourdaten

 

Die größte Gefahr für mytaxi dürfte aber jene Totalkontrolle werden, welche durch das neue Preismodell für Taxiunternehmen entstehen, deren Fahrzeuge mytaxi an Bord haben. Zwar sammeln auch Zentralen mittels Datenfunk-Vermittlung zahlreiche Daten, so dass sich schon staatliche Datenschützer kritisch äußerten oder gar Änderungen anmahnten. So weitgehend wie bei dem geplanten mytaxi-Modell geht aber bisher kein anderer Tourvermittler: Die Umstellung von einem Pauschalpreis zu einem prozentualen Anteil am Tourpreis würde bedeuten, dass wichtige Daten wie Fahrzeug, Zeit, Strecke, Preis und ausführender Fahrer der Taxifahrt vollumfänglich bei mytaxi gespeichert würden - nicht wochen- oder monatelang, sondern für zehn Jahre. Diese lange Speicherfrist ergibt sich aus steuerliche Vorschriften, welche solches für die relevanten Daten der Rechnungserstellung vorschreiben. Diese Daten stellen in einer solch langen Zeit für alle interessierten staatlichen Stellen wie Finanzamt samt Steuerfahndung, Amt für Arbeitsschutz und Taxi-Aufsichtsbehörde eine interessante und vermutlich auch ergiebige Quelle dar. Wenn sich dieser Umstand in einem Gewerbe herumspricht, in dem erfahrungsgemäß große Teile derzeit weder steuer- noch abgabenehrlich arbeiten, dafür aber vielfach gegen arbeitsgesetzliche Vorschriften verstoßen, dann dürfte es nach dem Start des neuen Preisberechnungssystem schnell bedrohlich eng werden mit der Bedienfähigkeit - auch dort, wo bisher ein Überangebot an mytaxi-Fahrzeugen herrscht.

 

 

Massive Kritik im Internet und von den Taxiverbänden


Die fünf Taxenverbände in Hamburg, seit 2012 gemeinsam agierend in der „Arbeitsgemeinschaft Taxenverbände Hamburg“, haben, nach schnell im Internet und an den Taxiposten hochkochenden Missmuts-Bekundungen, schnell reagiert, was der Autor im DAS-Taxiforum wie folgt zusammenfasste:

"Die in der "ARGE Taxenverbände Hamburg" zusammenarbeitenden Gewerbeverbände haben sich heute mit dem neuen Preissystem beschäftigt, das der App-Tourenvermittler mytaxi ab 1. Februar 2014 einführen will. Um in keinen unseligen Überbietungs-Wettbewerb zu kommen, bei dem sich die heutigen moderaten Tourvermittlungspreise bei mytaxi verdoppeln und verdreifachen könnten, empfehlen wir Hamburger Gewerbeverbände allen Taxenunternehmern, den bei ihnen angestellten Taxifahrern per Arbeitsanweisung zu untersagen, mehr als 3% des Tourpreises für eine Tourvermittlung in der App einzustellen. Wir empfehlen Gleiches auch allen mit der Fahrer-App von mytaxi arbeitenden selbstständigen Taxifahrern. Zudem haben wir uns auf folgende Kernaussage verständigt: "Wir unterstützen das gegenseitige Ausspielen von Kollegen auf der Straße nicht."

In eine ähnliche Kerbe schlägt eine im Internet kursierende Veröffentlichung eines vermutlich Berliner Taxifahrers: „Du bist bereit dich zu wehren? Du bist bereit zurück zu schlagen? Dann los!!! Ab Einführung der neuen app werden alle Fahrer die sich uns anschließen, ihre Vermittlungsgebühr auf den kleinsten Wert einstellen. (…) Das werden wir so lange beibehalten bis sich mytaxi entscheidet dieses System zurück zunehmen. Wir wissen das diese Form der Preistreiberei ein Testballon von mytaxi ist und das sie im Notfall auch wieder die Notbremse ziehen wollen, wenn es nicht den gewünschten finanziellen Erfolg bringt. Die ersten vier Wochen sollen es zeigen. Dann doch lieber mal vier Wochen etwas weniger Geschäft als für immer diese aberwitzigen Gebühren zu zahlen und dauerhaft die Kundschaft zu verlieren. Du kennst doch auch noch mytaxi Fahrer denen das auch stinkt? Dann sende ihnen diese e-mail weiter, mit der Bitte, sie wiederum weiter zu leiten und sich anzuschließen. (…) Meckern kann jeder, aber man kann auch was dagegen tun. Wer kämpft kann auch verlieren - doch wer nicht kämpft hat schon verloren!!!!!!!"

 

Es wird spannend werden, ob die in der Taxibranche als „plietsche Jungs“ titulierten mytaxi-Gründer vor dem 1. Februar noch zurückrudern im Sinne einer einst erfolgreichen Opel-Werbekampagne: „Wir haben verstanden“. Oder auf Vabanque spielen und den bisherigen Erfolg ihres Angebotes damit aufs Spiel setzen, wenn sie auf die Tour-Unterversorgung eines großen Teils des Taxengewerbes spekulieren und auf eine vielfach anzutreffende ökonomische Unvernunft bei Taxiunternehmern. Mit dem ungeliebten Auktionsmodell und den einhergehenden Preiserhöhungen öffnet mytaxi möglichen Konkurrenten ungewollt den von ihnen bisher dominierten Markt an App-vermittelten Taxitouren in Deutschland. In Großbritannien und den USA existieren App-Companies, die zu mytaxi vergleichbare Tourvermittlungs-Systeme haben und von potenten Investoren finanziell teils drastisch besser ausgestattet wurden, als es mytaxi jemals war. App-Companies, die es sich finanziell locker leisten könnten, ihre Vermittlungsdienste den hiesigen Taxiunternehmern zu Kampfpreisen anzubieten. Es darf dabei nicht vergessen werden, dass Taxifahrer einen nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf haben, wo die Kundschaft künftig bestellt. Im Schnitt zehn bis zwanzig Minuten hat ein geübter oder gar geschulter Taxifahrer Zeit, die potentielle Kundschaft während der Fahrt mit einer persönlichen Werbung anzusprechen.

 

 

Kostensenkung eine Alternative zur Preiserhöhung


Schließlich müssen sich die mytaxi-Verantwortlichen fragen lassen, warum sie mit den bisherigen Einnahmen nicht auskommen. Eine Taxizentrale wie die Berliner WBT bietet eine Vollvermittlung ab 1.1.2014 für € 98,- an - mit kostenträchtigem Personaleinsatz im rund um die Uhr besetzten Callcenter. Im Preis enthalten sind eine Notfallbehandlung bei ausgelöstem Alarmsystem in einer der angeschlossenen Taxen sowie Servicedienstleistungen wie „Generalmeldungen“ über Verkehrs- und Geschäftslagen. Dagegen läuft die Tourvermittlung bei mytaxi vollautomatisch und mit nur geringem Personalaufwand. Das meiste mytaxi-Personal ist in der Software-Entwicklung und im Vertrieb beschäftigt, zusätzliche Dienstleistungen wie eine Notfallbehandlung und Generalmeldungen werden nicht erbracht. Weshalb die Tourvermittlungs-Preise deutlich niedriger sein müssten als bei einer klassischen Taxizentrale wie WBT. Vielleicht sollte im Hause von mytaxi einmal darüber nachgedacht werden, sich kritisch mit den eigenen laufenden Kosten auseinander zu setzen, bevor man beginnt, an der Preisschraube zu drehen. Und vielleicht sollte man das eigene Vorgehen von massenhaften Vertragskündigungen ohne vorherige Informationen noch einmal kritisch hinterfragen. Will man ernsthaft das derzeit teils gesprungene, teils schon ordentlich angedepperte Porzellan wieder kitten, werden die mytaxi-Macher kaum umhinkommen, glaubwürdig vor dem 1. Februar zu signalisieren: „Wir haben verstanden“. Wahrscheinlich gäbe es dann auch eine Basis, um mit Vertretern der mytaxi-Vertragspartner Verhandlungen zu führen über eine zumindest zeitweilig greifende Preiserhöhung, wenn sich diese als notwendig für die weitere Entwicklung des für viele Taxler wichtigsten Zentralen-Konkurrenten herausstellen sollte.

 

 

 

 

 

Erstveröffentlichung: 12. Januar 2014

 

 

 

Text + Foto: Clemens Grün

 

 

 

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Kommentare

23.01.2014

NightcabBN

Zu Artikel "MYTAXI: Fragliche Wirksamkeit der Vertrags-Kündigungen": Sehr guter Artikel. Hier werden tatsächlich auch mal im Gegensatz zu vielen anderen Kommentaren und Artikeln die Archivierung der Daten und die damit verbundenen steuerrechtl. Probleme, das Quittungsasustellungsverbot,der ausgehebelte Datenschutz und das damit komplett transparente Unternehmen erwähnt. Die bisherigen Infos/Kommentare lassen vermuten, dass bis jetzt den wenigsten Unternehmen wirklich klar ist, was die neuen AGBs für sie bedeuten, bzw. in welche Teufelsküche sie da bei Annahme derselbigen rein geraten werden.

18.01.2014

Norbert Czwienk

Zu Artikel "MYTAXI: Fragliche Wirksamkeit der Vertrags-Kündigungen": Dieser Artikel trifft den Nagel auf den Kopf.

Ich möchte noch anmerken, dass ich die neue Vermittlungsgebühr für eine soziale Katastrophe halte, da Taxifahrer, die schwarz arbeiten oder einen Teil ihres Lohns bar auf die Kralle bekommen, sowie deren Chefs, die ihre Steuern und Sozialabgaben nicht ordnungsgemäß abführen, einen größeren Spielraum bei dem einzustellenden Prozentsatz habe als solche, die sich an die Gesetze halten. Das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein, oder?